Suchen wir digitale Roboter?

Die Digitalisierung und ihre Auswirkungen wird kontrovers diskutiert. Einerseits bieten sich für Firmen große Chancen, Ihre Produktivität zu steigern und gleichzeitig eine nie gekannte Transparenz zu erhalten durch kontinuierliche, automatisiert ablaufende Datennalysen.

Meldungen über Supermärkte ohne Personal, in denen die komplette Bewirtschaftung und Abrechnung automatisch per App vorgenommen wird, führen zu kritischen Stimmen und erzeugen Angst.

Wiederkehrenden Meldungen, dass durch EDV-Systeme, das Internet und künstliche Intelligenz in vielleicht 20 Jahren auch hoch qualifizierte Jobs entfallen werden, verunsichern die Menschen.

Sie fragen sich vollkommen zu Recht, wie sie in überschaubarer Zeit noch ihr Geld verdienen werden.

Wie verändert die Digitalisierung unsere Arbeit im Mittelstand?

Die Frage nach der Digitalisierung beschäftigt Unternehmer und Arbeitnehmer mit gleicher Intensität, allerdings aus verschiedenen Blickwinkeln.

Aus Unternehmenssicht stehen folgende Fragen im Vordergrund:

- Wie verändern sich Märkte und Preise?
- Wo steht unser Wettbewerb heute und wohin bewegt er sich?
- Welche Effekte lassen sich erzielen und wo kommen sie her?
- Welche Organisations- und Qualifizierungsmaßnahmen sind erforderlich?
- Wie sieht ein Umsetzungsplan incl. Wirtschaftlichkeitsrechnung aus?

Die Fragen der Arbeitnehmer drehen sich um ihre eigene Tätigkeit:

- Habe ich künftig überhaupt noch einen Job?
- Wenn ja, wie verändert er sich?
- Welche neuen Qualifikationen werden künftig von mir verlangt?
- Kann ich das neue Wissen überhaupt bewältigen?
- Was muss ich tun und woher bekomme ich bei Bedarf Hilfe?

Wir wollen uns darauf konzentrieren, was wir selbst uneingeschränkt in der Hand haben. Märkte und Wettbewerb können wir einschätzen. Aktiv und gezielt verändern aber lassen sich nur unsere internen Vorgehensweise, also die gesamte Prozesskette vom Vertrieb bis zur Auslieferung.

Erst die Prozesse, dann die Digitalisierung

Das Spannungsfeld aus den hohen Erwartungen hinsichtlich der kommunizierten Produktivitätspotenziale und den konkret zu erzielenden Ergebnisse muss aufgelöst werden. Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) hat als "Daumenwert" Effizienzchancen von ca. 30% durch die Digitalisierung prognostiziert.

Natürlich hängt es davon ab, auf welchem Niveau sich ein Unternehmen zu Beginn eines Projekts befindet, welche Fortschritte schließlich erreichbar sind.

Unstrittig ist aber, dass bei gezieltem Einsatz digitaler Strategien und optimal darauf abgestimmter Prozesse die Potenziale sehr groß sind, und anderweitig nicht erzielbar sind.

Um einen Betrieb optimal auf Industrie 4.0 Niveau zu bringen, ist ein Vorgehen in zwei Schritten erforderlich:

1.Die Optimierung der Prozesse.
2.Die Einführung optimaler Betriebsmittel und EDV-Methoden.

Die wesentliche Erkenntnis ist: Es ist nicht zielführend, vorhandene und nicht angepasste Prozesse mit EDV-Mitteln zu beschleunigen. Modellhaft dargestellt in der nachfolgenden Abbildung wird sofort klar, warum das nicht funktionieren kann:

Selbst wenn einzelne Prozesse optimiert und beschleunigt werden, wird sich der erwartete Erfolg nicht unbedingt einstellen, wenn vor- und nachgelagerte Prozesse nicht mit betrachtet werden.

Im Schema ist die Prozessleistung als Höhe der Pfeile dargestellt. Prozess 2 wurde optimiert, wobei die Prozesse 1 und 3 unverändert gelassen wurden.

Die Prozessleistung des Gesamtsystems verbessert sich im Zustand [2] nicht gegenüber Zustand [1], weil die vor- und nachgelagerten Schritte zum optimierten Prozess 2 Bottlenecks (Engstellen) darstellen und die Gesamtleistung bestimmen.

Eine häufige und fatal falsche Reaktion stellt der Versuch dar, in dieser Situation an einzelnen Stellen mehr Personal einzusetzen. Mit der Beschleunigung nicht optimaler Vorgehensweisen werden auch die Unzulänglichkeiten multipliziert und die erwarteten Effizienzsteigerungen lassen sich nicht realisieren.

Die richtige Vorgehensweise zeigt das folgende Schema:

Ziel ist es, das gesamte Prozesssystem zu beschleunigen und zu beruhigen. Das wird erreicht mit der Reduzierung von Schnittstellen, und einer weitgehenden Vereinfachung des Systems, das insbesondere die laufenden manuellen Eingriffe und Abstimmungen zwischen den verschiedenen Prozessbeiteiligten, (1) bis (6), überflüssig macht.

Eine zentrale Informationsquelle mit einem einzigen Datenbestand (D) für alle Beteiligten, der automatisch und laufend aktuell gehalten wird, ist Voraussetzung für die erfolgreiche Digitalisierung.

Mit veränderten Prozessen verändern sich die Aufgaben

Die Vereinfachung und Veränderung der Prozesse bedeutet auch, dass sich die Aufgaben der beteiligten Mitarbeiter verändern müssen. Geänderte Schnittstellen, neue Aufgabenteilungen und veränderte Vorgehensweisen müssen verstanden, akzeptiert und geschult werden.

Ein Digitalisierungsprojekt kann nur dann erfolgreich sein, wenn alle Beteiligten frühzeitig und konkret wissen, wie ihr künftiger Arbeitsplatz aussehen wird, wie er organisatorisch angebunden sein wird, welche Qualifikationen dafür erforderlich sind und wie Qualifikationslücken ausgeglichen werden.

Transparent und nachvollziehbar wird das Vorgehen nach diesem einfachen Modell:

Für den Zustand nach der Veränderung wird, nach identischem Schema eine neue Prozessbeschreibung erstellt, die im vorher/nachher Vergleich dem Mitarbeiter die erforderlichen Veränderungen aufzeigt. Falls Qualifizierungsmaßnahmen erforderlich werden, sind sie auf Basis dieses Vergleichs zu definieren und auf den Weg zu bringen.

Mit veränderten Prozessen verändern sich die Aufgaben

Ja, wir brauchen Roboter, um Routinetätigkeiten zu optimieren, wobei der Begriff der „Roboter“ zu erweitern ist auf reine Software-Prozeduren, die bisher manuell ausgeführte Vorgänge automatisieren.

Wir brauchen auch Roboter, um Daten zu erheben, diese automatisch auszuwerten und um für Transparenz zu sorgen und eine fundierte Basis für Entscheidungen.
Die Tätigkeiten werden sich verändern an vielen Stellen.

Es wird Bereiche geben, in denen das erforderliche Wissen anspruchsvoller ist und umfangreichere Qualifikationen erforderlich sind. Daraus ergeben sich Möglichkeiten für leistungsbereite Mitarbeiter, auch in attraktivere Vergütungsstufen zu gelangen.

In anderen Bereichen werden die Tätigkeiten einfacher und es kann auf weniger qualifiziertes und damit auch niedriger entlohntes Personal zurückgegriffen werden.

Es werden sicher Arbeitsplätze entfallen, so wie es bei jeder technologischen Welle in den Betrieben passiert ist, insbesondere in der Produktion.

Mit Hilfe der passenden Digitalisierungsstrategie kann ein Unternehmen dem Fachkräftemangel gegensteuern und seinen Wettbewerbsfähigkeit erhöhen. Nachdem der Digitalisierungszug bereits rollt, ist eine Industrie 4.0-Strategie für alle Unternehmen zwingend, die sich in ihrem Segment mit den Besten messen wollen.

Für die Mitarbeiter gibt es nur den Weg nach vorne: Sich den Veränderungen zu stellen, für Qualifizierungsmaßnahmen offen zu sein und die Chancen in der digitalen Welt zu sehen.

Die leider verbreitete abwehrende Einstellung, charakterisiert  mit dem Mantra: "das haben wir schon immer so gemacht", ist definitiv tödlich und wird in kurzer Zeit das Aus auf dem Arbeitsmarkt bedeuten.

Friedrich Renoth

Friedrich Renoth, Dipl.-Ing. Maschinenbau, Ist Geschäftsführer der ProXpert GmbH und hat 30 Jahre Erfahrung als Führungskraft in der Automobilindustrie, Geschäftsführer im mittelständischen Maschinenbau und Restrukturierungs-Spezialist. Heute gibt Friedrich sein Wissen als Industrie 4.0 Experte für den Mittelstand weiter. Seine wichtigste Prinzipien (u.a.) sind: „Wenn du es genau betrachtest, ist es ganz einfach“ sowie „SNS – Schaffe, net Schwätze“ und „ZDF – Zahlen, Daten, Fakten“.

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